Pflichtteil des Kindes berechnen

Höhe, Quoten und Beispiele

Wird ein Kind durch Testament oder Erbvertrag enterbt, kann es grundsätzlich den Pflichtteil verlangen. Der Pflichtteil ist ein Geldanspruch gegen den Erben, kein Anspruch auf einen bestimmten Nachlassgegenstand. Er beträgt nach § 2303 Abs. 1 BGB die Hälfte des Wertes des gesetzlichen Erbteils.

Wie hoch der Pflichtteil ausfällt, hängt insbesondere von der Zahl der Kinder, einem überlebenden Ehegatten, dem Güterstand und natürlich dem Wert des Nachlasses ab. Für typische Standardfälle bietet unser Pflichtteilsrechner eine erste Orientierung. Dieser Ratgeber erklärt, wie die Quote zustande kommt und welche Besonderheiten zu beachten sind.

Wann hat ein Kind Anspruch auf den Pflichtteil?

Kinder sind gesetzliche Erben erster Ordnung (§ 1924 BGB). Hat der Erblasser ein Kind durch eine Verfügung von Todes wegen von der Erbfolge ausgeschlossen, kann dieses seinen Pflichtteil nach § 2303 Abs. 1 BGB verlangen. Der Anspruch entsteht mit dem Erbfall (§ 2317 Abs. 1 BGB) und richtet sich gegen den Erben beziehungsweise die Erben.

Enterbung bedeutet nicht Pflichtteilsentziehung. Der Erblasser kann zwar bestimmen, dass ein Kind nicht Erbe wird. Den Pflichtteil kann er jedoch nur unter den engen Voraussetzungen der §§ 2333 ff. BGB entziehen. Auch ein wirksamer Pflichtteilsverzicht kann den Anspruch ausschließen. Ist ein Kind dagegen als Erbe eingesetzt, erhält aber weniger als den gesetzlichen Mindestwert, kann unter den Voraussetzungen des § 2305 BGB ein Zusatzpflichtteil bestehen.

Auch Eltern des Erblassers können unter bestimmten Voraussetzungen pflichtteilsberechtigt sein (§ 2303 Abs. 2 BGB). Ihr Anspruch wird jedoch durch vorrangige Abkömmlinge nach Maßgabe des § 2309 BGB begrenzt. Die Besonderheiten werden in einem eigenen Ratgeber „Pflichtteil Eltern“ vertieft.

Wie berechnet sich der Pflichtteil eines Kindes?

Zunächst wird die gesetzliche Erbquote ermittelt, die dem Kind ohne die es ausschließende Verfügung von Todes wegen zugestanden hätte. Der Pflichtteil beträgt die Hälfte dieses gesetzlichen Anteils. Die so ermittelte Pflichtteilsquote wird auf den pflichtteilsrechtlich maßgeblichen Reinnachlass angewandt.

Berechnung: Gesetzliche Erbquote ÷ 2 = Pflichtteilsquote. Pflichtteilsquote × Reinnachlass = vorläufiger Pflichtteilsbetrag.

Bei mehreren Kindern ist grundsätzlich die Zahl der Kinderstämme entscheidend. Nach § 1924 BGB erben Kinder gesetzlich zu gleichen Teilen. Ist ein Kind schon vor dem Erblasser verstorben, treten grundsätzlich dessen Abkömmlinge (dann die Enkel bzw. Urenkel usw. des Erblassers) an seine Stelle.

Welche Personen werden bei der Quote mitgezählt?

Nach § 2310 BGB werden bei der Ermittlung des für den Pflichtteil maßgebenden gesetzlichen Erbteils grundsätzlich auch Personen mitgezählt, die der Erblasser enterbt hat, die ihre Erbschaft ausgeschlagen haben oder die für erbunwürdig erklärt wurden. Ein Geschwisterteil fällt deshalb nicht allein durch eine Ausschlagung aus der abstrakten Pflichtteilsberechnung heraus.

Anders bei einem wirksamen Erbverzicht: Wer durch Erbverzicht von der gesetzlichen Erbfolge ausgeschlossen ist, wird nach § 2310 Satz 2 BGB nicht mitgezählt. Der Erbverzicht (§ 2346 Abs. 1 BGB) ist vom bloßen Pflichtteilsverzicht (§ 2346 Abs. 2 BGB) zu unterscheiden. Bei Letzterem bleibt die gesetzliche Erbenstellung grundsätzlich erhalten. Auch die Auswirkungen eines Erbverzichts auf eigene Abkömmlinge (§ 2349 BGB) und die Auslegung des Verzichtsvertrags können entscheidend sein.

Pflichtteil bei einem unverheirateten Erblasser

War der Erblasser beim Tod nicht verheiratet und bestehen keine weiteren Besonderheiten, verteilt sich die gesetzliche Erbfolge auf die Kinderstämme. Dabei bildet jedes lebende Kind einen Stamm. Ist ein Kind bereits vor dem Erblasser verstorben, treten seine Abkömmlinge an seine Stelle. Bei einem Kinderstamm beträgt die gesetzliche Erbquote 1/1 und die Pflichtteilsquote 1/2. Bei zwei Kinderstämmen sind es je 1/2 und 1/4, bei drei Stämmen je 1/3 und 1/6 und bei vier Stämmen je 1/4 und 1/8.

Beispiel: Ein unverheirateter Erblasser hinterlässt zwei Kinder. Durch Testament setzt er eines als Alleinerben ein. Der maßgebliche Reinnachlass beträgt 200.000,00 €. Das enterbte Kind hätte gesetzlich 1/2 geerbt; sein Pflichtteil beträgt 1/4. Daraus ergibt sich ein vorläufiger Pflichtteilsbetrag von 50.000,00 €.

Pflichtteil eines Kindes bei Zugewinngemeinschaft

Die Zugewinngemeinschaft ist der gesetzliche Güterstand einer Ehe (§ 1363 Abs. 1 BGB). Sie gilt, wenn die Ehegatten durch Ehevertrag nichts anderes vereinbart haben. Lebten die Ehegatten in diesem Güterstand und findet die pauschale erbrechtliche Lösung nach § 1371 Abs. 1 BGB Anwendung, beträgt der gesetzliche Erbteil des überlebenden Ehegatten neben Abkömmlingen regelmäßig 1/2: 1/4 nach § 1931 Abs. 1 BGB und ein weiteres 1/4 als pauschaler Zugewinnausgleich. Die andere Hälfte entfällt auf die Kinderstämme.

Ein enterbtes Kind erhält in diesem Standardfall bei einem Kinderstamm die Pflichtteilsquote 1/4, bei zwei Kinderstämmen 1/8 und bei drei Stämmen 1/12.

Beispiel: Der Erblasser hinterlässt eine Ehefrau, mit der er in Zugewinngemeinschaft lebte, und zwei Kinder. Die Ehefrau ist Erbin, eines der Kinder wurde enterbt. Der Reinnachlass beträgt 200.000,00 €. Der gesetzliche Erbteil des enterbten Kindes wäre 1/4; der Pflichtteil beträgt 1/8. Das ergibt vorläufig 25.000,00 €.

Wichtiger Sonderfall: Ist der überlebende Ehegatte nicht Erbe und steht ihm auch kein Vermächtnis zu, greift § 1371 Abs. 2 BGB ein. Dann bestimmt sich auch der Pflichtteil eines anderen Pflichtteilsberechtigten unter Zugrundelegung des nicht erhöhten gesetzlichen Erbteils des Ehegatten. Zudem kann ein konkreter Zugewinnausgleichsanspruch bestehen, der sich auf den Nachlasswert auswirkt. § 1371 Abs. 3 BGB regelt weitere Besonderheiten bei Ausschlagung durch den Ehegatten. Solche Fälle dürfen nicht mit den vorgenannten Standardquoten gleichgesetzt werden; unser Rechner verweist dann auf eine individuelle Prüfung.

Pflichtteil eines Kindes bei Gütertrennung

Bei Gütertrennung gilt neben § 1931 Abs. 1 BGB die Sonderregel des § 1931 Abs. 4 BGB. Stehen neben dem Ehegatten ein oder zwei Kinderstämme, werden Ehegatte und jeder Stamm bei der gesetzlichen Erbfolge grundsätzlich zu gleichen Teilen berücksichtigt. Bei einem Stamm beträgt der Pflichtteil des enterbten Kindes daher 1/4, bei zwei Stämmen jeweils 1/6.

Bei drei oder mehr Kinderstämmen beträgt die gesetzliche Quote des Ehegatten grundsätzlich 1/4; die weiteren 3/4 verteilen sich auf die Kinderstämme. Bei drei Stämmen ergibt sich damit ein Pflichtteil von jeweils 1/8, bei vier Stämmen von jeweils 3/32.

Beispiel: Ein Erblasser hinterlässt einen Ehegatten, mit dem Gütertrennung bestand, und zwei Kinder. Ein Kind wurde enterbt. Bei gesetzlicher Erbfolge erhielten alle drei Beteiligten je 1/3. Das enterbte Kind hat eine Pflichtteilsquote von 1/6. Bei einem Reinnachlass von 240.000,00 € entspricht dies vorläufig 40.000,00 €.

Die Quoten gelten nur für die jeweils beschriebenen Standardfälle. Besonderheiten wie wirksame Erbverzichte, weitere familiäre Konstellationen oder der Ausschluss des gesetzlichen Ehegattenerbrechts, etwa nach § 1933 BGB, können eine andere Bewertung erfordern.

Was gilt bei vorverstorbenen Kindern und Enkeln?

Ist ein Kind vor dem Erblasser verstorben, treten seine Abkömmlinge bei der gesetzlichen Erbfolge grundsätzlich an seine Stelle (§ 1924 Abs. 3 BGB). Hinterließ dieses Kind beispielsweise zwei eigene Kinder, teilen sich diese bei gesetzlicher Erbfolge den auf den Stamm entfallenden Anteil.

Ob ein Enkel oder ein weiterer Abkömmling selbst pflichtteilsberechtigt ist, richtet sich zusätzlich nach § 2309 BGB. Ein näherer Abkömmling kann das Pflichtteilsrecht eines entfernteren Abkömmlings ausschließen, wenn er seinen Pflichtteil verlangen kann oder das ihm Hinterlassene annimmt. Die Frage ist deshalb von der bloßen gesetzlichen Stammfolge zu unterscheiden.

Für diese besonderen Konstellationen ist ein eigener Ratgeber „Pflichtteil Enkel und weitere Abkömmlinge“ vorgesehen. Der Pflichtteilsrechner berechnet solche Mehrgenerationenfälle bewusst nicht automatisch.

Welcher Nachlasswert ist maßgeblich?

Nach § 2311 Abs. 1 BGB kommt es grundsätzlich auf Bestand und Wert des Nachlasses zum Zeitpunkt des Erbfalls an. Zum Nachlass gehören etwa Bankguthaben, Wertpapiere, Immobilien, Fahrzeuge, Unternehmensbeteiligungen und Forderungen. Abzuziehen sind die pflichtteilsrechtlich berücksichtigungsfähigen Nachlassverbindlichkeiten, etwa noch offene Schulden des Erblassers und grundsätzlich angemessene Bestattungskosten. Nicht sämtliche Kosten der Nachlassabwicklung sind automatisch abzugsfähig.

Bei Immobilien, Gesellschaftsbeteiligungen oder streitigen Vermögenswerten ist häufig eine Wertermittlung erforderlich (§ 2311 Abs. 2 BGB). Ein pflichtteilsberechtigtes Kind, das nicht Erbe geworden ist, kann gemäß § 2314 BGB vom Erben Auskunft über den Bestand des Nachlasses verlangen und unter den gesetzlichen Voraussetzungen ein notarielles Nachlassverzeichnis sowie die Ermittlung von Nachlasswerten fordern. Einzelheiten erläutern wir unter Nachlassverzeichnis im Pflichtteilsrecht.

Welche Besonderheiten können den Anspruch verändern?

Eine rechnerisch richtige Pflichtteilsquote führt nicht in jedem Fall zum endgültigen Zahlungsbetrag. Insbesondere sind folgende Punkte gesondert zu prüfen:

  • Schenkungen: Lebzeitige Zuwendungen können einen Pflichtteilsergänzungsanspruch nach §§ 2325 ff. BGB auslösen. Für Bewertung und zeitliche Berücksichtigung gelten besondere Regeln.
  • Frühere Zuwendungen an das Kind: Eine Anrechnung nach § 2315 BGB setzt eine entsprechende Anrechnungsbestimmung bei der Zuwendung voraus. Ausgleichungspflichten zwischen Abkömmlingen können sich aus § 2316 BGB ergeben.
  • Geringer Erbteil oder belastete Erbeinsetzung: Je nach Gestaltung kommen ein Zusatzpflichtteil (§ 2305 BGB) oder besondere Rechte bei Beschränkungen und Beschwerungen (§ 2306 BGB) in Betracht.
  • Erb- und Pflichtteilsverzicht: Ein wirksamer notarieller Verzicht kann die Berechtigung und die Quotenberechnung verändern.
  • Ausschlagung: Wer eine Erbschaft ausschlägt, erwirbt dadurch nicht generell einen Pflichtteilsanspruch. Gesetzliche Ausnahmen sind im Einzelfall zu prüfen.
  • Pflichtteilsentziehung: Sie ist nur unter den gesetzlichen Voraussetzungen der §§ 2333 ff. BGB möglich; der Grund muss den Anforderungen des § 2336 BGB entsprechen.

Unser Online-Rechner erfasst diese Sonderfälle nicht vollständig. Sein Ergebnis ist daher eine erste Orientierung und keine verbindliche Feststellung der Anspruchshöhe.

Wie kann ein enterbtes Kind den Pflichtteil durchsetzen?

Praktisch sollte zuerst festgestellt werden, wer Erbe geworden ist und ob eine wirksame letztwillige Verfügung vorliegt. Anschließend sind Auskunft über den Nachlass und gegebenenfalls Wertermittlung einzuholen. Auf dieser Grundlage können Pflichtteil und mögliche Ergänzungsansprüche beziffert werden. Sind Auskunft oder Zahlung streitig, kann die Durchsetzung gerichtlicher Hilfe bedürfen, gegebenenfalls im Wege der Stufenklage.

Die regelmäßige Verjährungsfrist beträgt drei Jahre (§ 195 BGB). Sie beginnt nach § 199 Abs. 1 BGB grundsätzlich am Schluss des Jahres, in dem der Anspruch entstanden ist und der Berechtigte die anspruchsbegründenden Umstände sowie die Person des Schuldners kennt oder ohne grobe Fahrlässigkeit kennen müsste. Für die Kenntnis einer beeinträchtigenden Verfügung und bei ergänzenden Ansprüchen kann eine differenzierte Prüfung erforderlich sein. Eine außergerichtliche Zahlungsaufforderung allein hemmt die Verjährung nicht.

Wann ist anwaltliche Beratung sinnvoll?

Eine individuelle Prüfung empfiehlt sich besonders bei Immobilien oder Unternehmen im Nachlass, größeren lebzeitigen Schenkungen, strittigen Kinderstämmen, Verzichtsverträgen, fehlenden Nachlassangaben oder Sonderfällen des Zugewinnausgleichs.

Rechtsanwalt Yves Girardot ist Fachanwalt für Erbrecht und berät bei der Berechnung und Durchsetzung von Pflichtteilsansprüchen. Weitere Informationen finden Sie auf unserer Seite Erbrecht.

Häufige Fragen zum Pflichtteil eines Kindes

Kann ein Kind vollständig enterbt werden?

Ja. Die Enterbung beseitigt aber grundsätzlich nicht den Pflichtteilsanspruch. Eine Pflichtteilsentziehung ist nur bei Vorliegen der gesetzlichen Voraussetzungen möglich.

Hat ein Kind trotz Berliner Testament einen Pflichtteil?

Ja. Wird das Kind beim Tod des erstversterbenden Ehegatten nicht Erbe, kann es grundsätzlich seinen Pflichtteil verlangen. Die konkrete Höhe hängt unter anderem vom Güterstand und den Familienverhältnissen ab.

Erhöht sich mein Pflichtteil, wenn ein Geschwister die Erbschaft ausschlägt?

Grundsätzlich nicht allein durch die Ausschlagung. Für die Pflichtteilsquote werden ausschlagende Personen nach § 2310 BGB grundsätzlich mitgezählt. Ein wirksamer Erbverzicht kann dagegen andere Folgen haben.

Wie erfahre ich, was zum Nachlass gehört?

Ein pflichtteilsberechtigtes, nicht zum Erben berufenes Kind kann nach § 2314 BGB grundsätzlich Auskunft verlangen. Hierzu kann sowohl ein vom Erben selbst erstelltes Nachlassverzeichnis als auch ein notarielles Nachlassverzeichnis gehören.

Kann ich meinen Pflichtteil online berechnen?

Mit unserem Pflichtteilsrechner lassen sich typische Standardfälle überschlägig berechnen. Er ersetzt jedoch nicht die Prüfung des Einzelfalls.


Über die Kanzlei

Sie haben ein rechtliches Anliegen und möchten wissen, welche Möglichkeiten Sie haben? Dann nehmen Sie Kontakt zu uns auf. Wir prüfen Ihren Fall, erläutern Ihnen die rechtliche Ausgangslage und zeigen Ihnen die nächsten sinnvollen Schritte auf.

Kontaktieren Sie uns hierfür gerne zu einem Erstgespräch. Für Verbraucher betragen die Kosten für die Erstberatungsstunde maximal 190,00 € netto zzgl. USt. (derzeit 226,10 € brutto).

Persönliche Beratung
Erfahrung und Sorgfalt
Entlastung im Verfahren
Rechtsanwälte der Kanzlei Girardot Lörtzing Zocher in Ilmenau
Rechtsanwälte der Kanzlei Girardot Lörtzing Zocher in Ilmenau
Lernen Sie uns kennen!
Mehr erfahren
Kanzlei

Rechtsanwälte
Girardot Lörtzing Zocher
Partnerschafts­gesellschaft

Kontakt

Straße des Friedens 1
98693 Ilmenau
Tel. +49 (0) 3677 46 14 12
Fax +49 (0) 3677 46 14 11
kanzlei@recht-gl.de

Deutsche Vereinigung für Erbrecht und Vermögensnachfolge e.V. - LogoFamilienanwälte – in jeder Beziehung – Logo
externe Compliance-Kontaktstelle
des ThüringenForst
Deutscher Anwaltverein - FamilienrechtDeutscher Anwaltverein - ErbrechtDeutscher Anwaltverein - Mietrecht und Immobilien
chevron-down